Fledermäuse umarmen sich zur Begrüßung

Als blutsaugende Flattertiere der Nacht haben Fledermäuse kein gutes Image. Dabei sind die Tiere untereinander überaus fürsorglich, wie aktuelle Beobachtungen einer Fledermausfamilie in Costa Rica beweisen.

Eine Fledermausfamilie in Costa Rica umarmt sich zur Begrüßung. Das hat ein Forschungsteam um Marisa Tietge vom Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung nach der Auswertung von Videomaterial herausgefunden. Insgesamt konnten acht verschiedene Verhaltensweisen mithilfe der Bilder unterteilt werden - viele davon sind neu.

Bei den beobachteten Tieren handelt es sich um zwei Erwachsene, wahrscheinlich ein Männchen und ein Weibchen, und zwei Jungtiere der Großen Spießblattnase (Vampyrum spectrum), schreiben die Forschenden, deren Ergebnisse im Fachmagazin "PLOS One" veröffentlicht wurden. Vampyrum spectrum ist eine seltene und gleichzeitig die größte Fledermausart Amerikas. Die fleischfressenden Tiere können eine Flügelspannweite von bis zu einem Meter erreichen.

Kamera im Fledermausquartier

Für die Untersuchung installierten die Forschenden eine Infrarotkamera mit Bewegungssensor in einem hohlen Baum, der als Tag- und Nachtquartier von den Tieren genutzt wurde. Dann wurde das Leben der Fledermausfamilie über einen Zeitraum von drei Monaten auf Video aufgezeichnet. Das nachtaktive Leben der Tiere stellte bisher eine Hürde bei der lückenlosen Beobachtung und Verhaltensforschung dar.

Obwohl bereits klar ist, dass Fledermäuse sehr sozial sind, wusste man bisher nicht, dass sie auch ihre Beute teilen. Bei der Auswertung des Videomaterials sahen die Biologen jedoch genau dieses Verhalten. Zum ersten Mal könne dokumentiert werden, wie ein erwachsenes Tier ein Beutetier ins Quartier brachte und es gezielt einem anderen Gruppenmitglied - meist einem Jungtier - überließ, heißt es in einer Mitteilung dazu.

"Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass die Beuteübergabe ein wichtiger Schritt bei der Umstellung der Jungen von Muttermilch auf Fleisch ist", wird Tietge zitiert. Die Jungtiere könnten so lernen, wie man große Beutetiere richtig hält und zerlegt. Die Forschenden vermuten, dass nicht nur der Nachwuchs auf diese Weise versorgt wird, sondern auch Weibchen, die ihre Jungen säugen.

Begrüßung und Umarmung (Umflügelung)

Auch bei der Begrüßung beobachteten die Biologen Besonderheiten bei der Interaktion der Tiere. So tauschen ein ins Quartier zurückgekehrtes Tier mit denen, die sich noch dort befinden, soziale Lautäußerungen zur Begrüßung aus. Zudem wird ein Tier mit einem Flügel umschlungen und diese Haltung für ein paar Sekunden gehalten.

Wie zur Begrüßung auch, umarmen sich die Tiere und bilden eine kugelartige Formation, um eng aneinandergeschmiegt zu schlafen. Das Forschungsteam bezeichnet das als "soziales Schlafen". Darüber hinaus dokumentierte das Team auch Spielverhalten, gegenseitiges Putzen und gemeinsame Futtersuche - alles Hinweise auf ein komplexes Sozialverhalten der Art.

Einzelfallstudie als gute Forschungsgrundlage

Die Große Spießblattnase wurde bisher als einzelgängerischer Jäger eingestuft. Die aktuellen Erkenntnisse legen jedoch nahe, dass die Tiere auch gemeinsam auf die Jagd gehen. Denkbar sei auch, dass Jagdtechniken von Jungtieren erst einmal erlernt werden müssten, so das Forschungsteam. Der Nachwuchs der Art bliebe für Fledermäuse außergewöhnlich lange im Elternhaus, schätzungsweise zweieinhalb Jahre. Die lange Abhängigkeit ermögliche es den Jungtieren, wichtige Fähigkeiten in sicherem Rahmen zu erlernen. Die beobachteten Formen elterlicher Fürsorge - womöglich sogar väterlicher - seien bei Säugetieren äußerst selten.

Die Forschenden sind sich im Klaren darüber, dass es sich bei ihren Studienergebnissen um eine Einzelfallstudie handelt. Die gemachten Beobachtungen lassen sich nicht auf die gesamte Art übertragen. Gleichzeitig bieten die gewonnenen Einsichten eine Grundlage für weitere Forschungen zu den ökologischen und evolutionären Auswirkungen dieses Verhaltens.