"The Great Gatsby" - Liebe, Geld und zerbrochene Träume

100 Jahre sind seit dem Erscheinen von "The Great Gatsby" vergangen. Doch die Geschichte von Jay Gatsby, dem Mann mit der zweideutigen Vergangenheit, und seinem Versuch, die Geldschranken zu überwinden, ist kein bisschen alt, zumal in einer neuen Übersetzung.

Im April 1925 liegen die ersten Exemplare in den amerikanischen Buchhandlungen: 20.870 Exemplare hat der New Yorker Verlag Charles Scribner's Sons vom neuen Roman von F. Scott Fitzgerald drucken lassen, mehr als zwei Jahre hatte der Autor an "The Great Gatsby" gearbeitet.

Am Tag der Veröffentlichung schreibt Fitzgerald an seinen Verleger Max Perkins, er sei voller Angst und böser Vorahnungen. Er fürchtet, der Roman könnte ein Flop werden und hat damit nicht ganz unrecht, zumindest zunächst. Der Autor glaubt, dem Roman fehlt die Frauenfigur, die Leserinnen zum Kauf animieren könnte. Auch die lediglich knapp 200 Seiten könnten den Roman als nicht "ernsthaft" genug erscheinen lassen. Nicht zuletzt ist er mit dem Titel unzufrieden, will den Roman zwischenzeitlich "Goldhütiger Gatsby", "Trimalchio" oder "Unter dem Rot, Weiß und Blau" nennen. Schließlich beendet der Andruck sämtliche Überlegungen. Es bleibt bei "The Great Gatsby".

100 Jahre später ist TGG, wie Kenner das Werk gern nennen, längst ein Klassiker der amerikanischen Literatur. Auch deshalb traute sich der Verlag Manesse, den neun bereits existierenden Übersetzungen ins Deutsche eine zehnte hinzuzufügen. Angetragen wurde das Projekt dem Übersetzer Bernhard Robben, der unter anderem viele Werke von Ian McEwan, Salman Rushdie und Philip Roth ins Deutsche übertragen hat. Und das schon mal vorab: Robben hat großartige Arbeit geleistet.

"Das Fremdartige menschlicher Lebensumstände"

Natürlich wird die Geschichte von Jay Gatsby, dem mysteriösen Millionär, der Nacht für Nacht in seinem an ein französisches Schloss erinnerndes Haus rauschende Feste feiert, um seine Jugendliebe Daisy zu beeindrucken und zurückzugewinnen, nicht neu erzählt. Als Gatsby aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrt, hat Daisy bereits Tom Buchanan geheiratet und damit das alte Geld. Gatsby kommt mit seinem zwielichtig in der Prohibition erworbenen Reichtum zu spät.

Nach dem Vorbild von East und West Hampton auf Long Island entfaltet sich zwischen East Egg und West Egg, zwei gleichermaßen wohlhabenden Wohngebieten, die durch eine Bucht getrennt sind, das ganze Drama zwischen ererbtem und erst jüngst erlangtem Reichtum. Der Erzähler Nick Garraway, selbst aus dem alten Geldadel stammend, berichtet in der Rückschau von den Ereignissen des Sommers 1922, die schließlich in einer Katastrophe enden.

Verleger Perkins gratuliert seinem Autor 1924 zu dieser Erzählperspektive. "Auf keine andere Weise hätte sich Deine Ironie so außerordentlich frei entfalten können, noch hätte der Leser so deutlich das Fremdartige menschlicher Lebensumstände in einem riesigen, gleichgültigen Universum empfinden können." So kann man es in der Manesse-Ausgabe im ausführlichen Anhang nachlesen, der beinahe noch einmal die Länge des Romans erreicht. Die Briefe und Rezensionen, das Personenglossar und die Zeittafel fügen Fitzgeralds Roman mit dem Nachwort von Claudius Seidl, herausgegeben von Horst Lauinger, mehr als die Entstehungsgeschichte hinzu. Sie geben einem das Gefühl, man sei dabei gewesen.

Worte für die "Ungreifbarkeit"

Robben tappt dabei an keiner Stelle in die Falle, dem Roman eine Trump-affine Übersetzung zu verpassen. Auch wenn der Bezug zum völligen Missverstehen des amerikanischen Traums noch so nahezuliegen schien. Vielmehr taucht er tief in Entstehungsgeschichte und -zeit von TGG ein, um der Neuübersetzung zu noch mehr Tiefe und sprachlicher Genauigkeit zu verhelfen. Und das, obwohl Robben, anders als bei den zeitgenössischen Autoren, die er übersetzt, nicht einmal eine E-Mail mit Nachfragen senden kann, wie er bei einer Lesung in der Berliner Buchhandlung Uslar und Rai ausplaudert. Der Übersetzer durchforstet die bereits vorliegenden Versionen, von denen allein zwei "von guten Freunden und herausragenden Kollegen" stammen. Sechs legt er sich schließlich auf den Schreibtisch, um jeden seiner Sätze an denen seiner Vorgänger zu messen.

Sein Ziel ist es, einen eigenen Ton für Fitzgeralds Roman zu finden und vielleicht dem Geheimnis von Jay Gatsby auf die Spur zu kommen. Der eigene Ton gelingt ihm, doch Gatsby bleibt auch ihm nebulös, die "Ungreifbarkeit" des Mannes, der kaum spricht und seine Vergangenheit so konsequent abstreift, kann auch der erfahrene Übersetzer nicht knacken. So wie Gatsby auf seinen eigenen Partys immer außen bleibt, soll er nicht zu entschlüsseln sein, ist es selbst für seinen Erschaffer nicht. "So mühen wir uns weiter wie Boote gegen die Strömung, unaufhörlich zurückgetrieben, der Vergangenheit zu." So liest sich der letzte Satz in der Robben-Übersetzung.

Gatsbys Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär, die romantische Liebe zu Daisy, die sie wiederum nicht erwidern will, weil Gatsby ihren Ansprüchen eben doch nicht genügt, der tiefe Einblick in die DNA Amerikas, Moral und Schönheit - all das ist in dieser Übersetzung frisch und ungemein elektrisierend erzählt. Immer wieder gibt es Passagen, die man wegen ihrer Eleganz und Schönheit zweimal lesen muss. Und das ist wohl das Wunderbarste, was man über einen 100 Jahre alten Klassiker sagen kann.